Vor lauter Dialogbereitschaft den Termin zum Austausch abgesagt

Mit dem gemeinsamen Brief an Berlins Innensenatorin Iris Spranger im Vorfeld der Innenministerkonferenz haben die Fanszenen von Hertha BSC und des 1. FC Union ein klares Zeichen gesetzt. Über Vereinsgrenzen hinweg sind Fußballfans stets fähig, sich zusammenzuschließen, wenn unsere Fankultur im Ganzen bedroht wird.

Die IMK hatte unter dem Titel „Fußball ohne Gewalt“ eine Vielzahl an fan- und grundrechtsfeindlichen Maßnahmengegen Stadiongänger vorgeschlagen. Änderungen der Stadionverbotsrichtlinien, eine neue Kommission zur zentralen Vergabe von Stadionverboten, personalisierte Tickets, KI-Gesichtsscanner und eine „Null-Toleranz-Strategie“ gegen den Einsatz von Pyrotechnik wurden diskutiert. Und es ist unklar, welche weiteren Ideen womöglich noch in der Schublade liegen. Denn das zentrale Dokument, der Bericht der BLoAG, wird der Öffentlichkeit auch weiterhin vorenthalten.

Die Innenpolitik hatte in den letzten Wochen in einem realitätsfernen Überbietungswettbewerb um Aufmerksamkeit gebuhlt. Aufgrund des faktenfreien und populistischen Geredes über ein vermeintlichesSicherheitsproblem in den Stadien hat sich die IMK so verrannt, dass das Eingeständnis der Realität nicht mehr als gesichtswahrend angesehen wurde.

Der von der IMK verkündete Beschluss sieht vor, dass die Vergabe von Stadionverboten neu organisiert werden soll. Das beispielsweise bei Hertha jahrzehntelang erprobte und stets verbesserte System, in dem eine Mitwirkung von Fanbeauftragten, Stadionverbotsbeauftragten, Sicherheitsbeauftragten und dem beratenden Fanprojekt einen differenzierten Blick auf jeden Einzelfall sicherstellt, steht nun zur Debatte – weil Hardliner sich mit Unwahrheiten profilieren mussten.

Um es klar zu sagen: Es gibt kein Sicherheitsproblem in unseren Stadien! Alle Statistiken belegen, dass die Stadien sicherer sind als je zuvor! Da die eigenen Statistiken kein Sicherheitsproblem erkennen lassen, nutzt die IMK den Einsatz von Pyrotechnik als letzten Strohhalm für ihrehaltlosen Behauptungen. Der umsichtige Einsatz diesesjahrzehntelang etablierten Stilmittels der Fankurven wird als „Missbrauch von Pyrotechnik“ ausgewiesen und zumProblem verklärt. Gleichzeitig wird immer wieder versucht, zu erklären, was eigentlich Fankultur ist. Dabei wird sich in absurde Vergleiche verstrickt, die immer wieder deutlich machen, dass auch hierbei keinerlei Verständnis und Kenntnis über die Realität in den Stadien vorhanden sind.

Im Vorfeld der IMK hatte uns Berlins Innensenatorin Iris Spranger einen Termin zum gemeinsamen Austausch angeboten, um über die von uns kritisierten Punkte zu sprechen. Dieses Angebot haben wir wohlwollend zur Kenntnis genommen und diesem Austausch selbstredend zugestimmt. Immerhin fehlte die Sichtweise der Fans im intransparenten Verfahren der IMK bislang völlig. Eine zwischenzeitliche Verschiebung des Termins auf die Woche nach der IMK hielten wir zwar für unglücklich, dennoch sahen wir den Austausch als weiterhin wichtig an. 

In den letzten Tagen vor der IMK betonten viele Akteure der Innenpolitik plötzlich Dialogbereitschaft – nachdem sie ein Jahr lang in Hinterzimmern unter Ignoranz der Faktenlagegeredet hatten. Doch trotz aller Ankündigungen in der Öffentlichkeit erreichte uns nur wenige Stunden nach der IMK die Nachricht, dass Innensenatorin Spranger den Dialogtermin mit Vereins- und Fanvertretern von Hertha BSC und Union abgesagt hat.

Für uns spiegelt diese Absage wider, was wir schon seit Jahren als Problem sehen: Fußballfans werden nicht ernst genommen. Beschlüsse wie bei der IMK werden über unsere Köpfe hinweg getroffen, bevor auch nur ein einziges Mal mit einem Fanvertreter geredet wurde.

Das Vorgehen von Innensenatorin Spranger zeigt darüber hinaus auch eine Missachtung von ehrenamtlichen Strukturen. Im Gegensatz zu den allermeisten ihrer sonstigen Gesprächspartner engagieren wir uns in unserer Freizeit, unter anderem für den Erhalt unserer Fankultur. Dass wir uns dennoch zwei Termine an für uns normalen Arbeitstagen freigeschaufelt hätten, um den wichtigen Dialog zu führen, wird bei der Innensenatorin offensichtlich als normal angesehen.

Die von uns als Fanseite ausgestreckte Hand zum Dialog wurde aus nicht nachvollziehbaren Gründen weggeschlagen. Ob dies auf Intervention durch die Berliner Polizei erfolgte oder eine Meinungsverschiedenheit über das aktuelle Vorgehen der Einsatzkräfte im Olympiastadion der Grund für die Absage ist, lässt sich nur mutmaßen. Festzuhalten bleibt jedoch, dass die umgehende Absage des Gesprächstermins durch Innensenatorin Spranger uns daran zweifeln lässt, dass die jüngst verkündeteDialogbereitschaft der IMK ernst gemeint ist. Vielmehr scheint diese nur zur Beruhigung der medialen Berichterstattung in den Raum geworfen worden zu sein.