Save the date 6.2.24 Vortrag Titel: Im Stolz vereint

Fußball, Nation und Identität im postjugoslawischen Raum

Anne Hahn und Frank Willmann haben drei Jahre lang in Bosnien Herzegowina, dem Kosovo, Kroatien, Montenegro, Nordmazedonien, Serbien und Slowenien mit Fans, investigativen Journalisten, Künstlerinnen, Philosophen, Fanforschern, Politologen, Soziologinnen und Gewerkschaftlern gesprochen und Fußballspiele besucht, von der ersten Liga bis zur achten. Dabei waren Pokal-Endspiele, internationale Begegnungen und einige Derbys. Was alle Menschen einte, war die überall noch verstandene Sprache – das Serbokroatisch – und die gemeinsame Vergangenheit, der postjugoslawische Raum.

Was als Hoffnung auf die Überwindung jahrhundertealter ethnischer Gegensätze begann, ist wieder in sieben eigenständige Staaten zerfallen: Der Auflösungsprozess Jugoslawiens wühlte die Balkan-Region in den Neunzigerjahren kräftig auf und hinterließ auch im Fußball tiefe Gräben.

Bis zum Zerfall Jugoslawiens spielten die Vereine Hajduk Split, Partizan und Roter Stern Belgrad und Dinamo Zagreb ihre Rollen als die großen Vier des nationalen Fußballs. Die wichtigen Fanszenen dieser Vereine sind bis heute die Torcida (Hajduk Split), Grobari (Partizan Belgrad), Delije (Roter Stern Belgrad) und Bad Blue Boys (Dinamo Zagreb). Beim Ausbruch der Jugoslawien-Kriege waren die Klubs und ihre Anhänger unmittelbar betroffen, viele Fans schlossen sich militärischen Verbänden an.

Der Fußball heute ist allen postjugoslawischen Republiken im Wesentlichen von drei Problemen geprägt: Korruption, Kriminalität, Abwanderung. Die Zuschauerzahlen sind rückläufig, durch die korrupten Strukturen in den Regierungen sind auch die Verbände und Vereine verstrickt, haben viele Fans keine Lust mehr auf Fußball. Die Politiker wiederum haben Angst vor den Fans, vor dem politischen Einfluss der Kurven und ihrer Anführer, die gleichzeitig in vielen Regionen die Drogen- und Clubszene ihrer Stadt dominieren. Ein inzwischen weltweit wahrgenommenes Problem ist der zur Schau gestellte Nationalismus im Zusammenhang mit dem Fußball.
Die Autoren haben Interviews geführt, Statements abgefragt und Stimmen gesammelt – herausgekommen ist aufwendig gestalteter und mit etlichen Groundhopping-Fotografien angereicherter weitgefächerter Band, der vielleicht Hoffnung macht – nicht nur mit seinen Berichten von Aktivistinnen des linken Fan-Vereins Zagreb 041, auch durch das zarte Erstarken von Diversität und Vielfalt im postjugoslawischen Raum, abgebildet von einer jungen Generation Fußball-Fans, deren Zukunft Europa und deren Ideal Freiheit heißt.

Wann? 06.02.24 ab 18:00 Uhr Wo? Fanprojekt Berlin, Cantianstr. 25 in 10437 Berlin