Es ist das Jahr 1971 und einem jungen Bundesligaspieler (24 Jahre alt) liegt, nach dem er in drei Spielzeiten bereits 89 Bundeligaspiele absolviert hat, ein schönes Angebot von Bayern München auf dem Wohnzimmertisch in Essen.
Erich „Ete“ Beer ist der junge Mann, dem klar ist, nach seiner Zeit in Essen riecht es nach Verbesserung in Liga 1. Auch in Berlin ist man auf Erich Beer aufmerksam geworden und schickt Wolfgang Holst in das Ruhrgebiet, um Beer umzustimmen und statt bei Bayern bei der Hertha zu unterschreiben. Was dem redseligen Holst natürlich tatsächlich gelang – Erich Beer unterschreibt einen Vertrag bei der Hertha und zeigt den Bayern die Stirn.
Das ist damals durchaus eine Alternative für Erich Beer, ist die Hertha mit ihrem Team doch fester Bestandteil der Bundesligaspitze (zweimal Platz 3 hintereinander), mit genauso guten Aussichten auf Titel wie der Club aus der bayerischen Landeshauptstadt.
Aber es kommt zunächst alles anders, die Hertha Mannschaft des Sommers 71 ist in den Bundesligaskandal verwickelt, wird durch Sperren und Strafen völlig aufgelöst und Erich Beer sowie Lorenz Horr als letzte Überlebende kämpfen statt um Meisterschaften und Pokale mit einer eilig zusammengebastelten Mannschaft in der Saison 72/73 um den Klassenerhalt.
Erich Beer begann seine Karriere in der Jugend der SpVgg Germania Ebing, bevor er mit seinen Eltern nach Neustadt bei Coburg zog und sich dort der Jugendabteilung des VfL Neustadt anschloss. Dort lernte er Kfz-Schlosser und kam 1968 über die Spielvereinigung Fürth, zum 1. FC Nürnberg in die Bundesliga. Hier absolvierte er gleich in der ersten Saison 25 Spiele konnte aber nicht verhindern, das der Club als amtierender Meister (!) 1969 abstieg.
Erich Beer wechselte daraufhin zum Aufsteiger Rot-Weiß Essen, für den er in zwei Jahren 64 Spiele in der Bundesliga. In der Sommerpause 1971 dann der beschriebene Wechsel zu Hertha BSC. Mit Beer, der in seiner gesamten Laufbahn als ehrlicher Sportsmann galt, gelang es das zerstörte Image des Vereins nach dem Skandal wieder aufzubauen. Beer entwickelte sich schnell zum Kopf der Mannschaft, unter dessen Regie 1975 die beste Platzierzung der Hertha gelang. Nur knapp mußte man sich den Gladbachern beugen und holte den Vizemeistertitel nach Berlin. Im Spiel beim MSV Duisburg (3:1) gelang Beer sein erstes „Tor des Monats“.
Im Jahr 1977 erreichte die Hertha mit Beer das Pokalendspiel gegen den favorisierten 1.FC Köln und unterlag denkbar knapp im Wiederholungsspiel am Pfingstmontag mit 0:1 in Hannover. In dieser Partie sah der Schiedsrichter viele Dinge anders als die Berliner, Beer schimpfte anschließend über den Unparteiischen vor den Fernsehkameras. Kein Thema heute, das passiert ständig. Seinerzeit erhielt Beer jedoch kurz darauf einen Anruf. Am Telefon war Helmut Schön, der Bundestrainer der ihm riet sowas nicht nochmal zu machen, sonst wäre die Karriere in der Nationalmannschaft vorbei.
Am 17.05.1975 hatte er sein erstes Länderspiel, in der Endpielrevanche von 1974 gegen Holland, welche 1:1 ausging. Diese erste Berufung machte seinen Kindheitstraum wahr. Seine Leistung explodierte. In der Folgesaison schoss er als Mittelfeldspieler 23 Tore in der Bundesliga für Hertha.
Im Viertelfinale der EM 1976 gelang Beer mit dem Treffer zum 2:0 sein zweites „Tor des Monats“. Mit dem SIeg qualifizierte sich man für die Europameisterschaft im damaligen Jugoslawien. Erich Beer spielte beim Vier-Nationenturnier in beiden Spielen, dem im Halbfinale und dem Endspiel, das mit einem verschossenen Elfmeter von Uli Hoeneß in Belgrad endete. Gewonnen hatte „Ete“ Beer wieder keinen Titel.
Die WM 1978 (nach einer tollen Hertha Saison mit Platz 3) sollte die Krönung seiner Laufbahn werden. Aber Beer stand immer zwischen den Grüppchen aus Köln und München. Das war schwer. Kölns Trainer Weisweiler machte über die „Bild“-Zeitung große Werbung für seine Spieler. Beer musste sich richtig rein kämpfen – und stand tatsächlich im Eröffnungsspiel beim 0:0 gegen Polen auf dem Platz.
So wie auch Klaus Fischer und Rüdiger Abramczik zwei Schlacker, die vor dem Turnier nur darüber sinnierten, wer von ihnen nun der große WM-Star würde. Eine für Beer eigentümliche Einstellung. Er betrachtete das Nationalteam ganz anders, nicht als Raum für Selbstdarstellung.
Nach dem Auftakt musste er zwei Partien zusehen. In der Finalrunde kam Beer wieder zum Zug, mit einem schwachen 0:0 gegen Italien ging es los. Gegen die Niederlande verspielten die Deutschen kurz vor Schluss die mögliche Finalteilnahme (2:2). Das Spiel um Platz drei wäre noch drin gewesen, ein Unentschieden gegen Österreich hätte gereicht. An sich Formsache. Aber dann: die Schmach von Cordoba. So lange Beer auf dem Platz stand, war alles gut, Deutschland führte 1:0 zur Pause. Beer war stinksauer, als er für Hansi Müller runter musste und das Spiel drehte sich, Eigentor Vogts, zweimal Hans Krankl, Österreich gewann 3:2. Der denkbar schlechteste Abgang für Beer, es war sein letztes Länderspiel.
Die darauffolgende Saison sollte pokaltechnisch noch ein paar Highlights bei Hertha bieten. Beer und seine Mannschaft erreichten im UEFA Pokal überraschend das Halbfinale, als man bekanntlich in zwei hochdramatischen Spielen Roter Stern Belgrad wegen der Auswärtstorregel (Auswärts 0:1, 2:1) ins Finale einziehen lassen musste. Auch im DFB Pokalfinale, dem letzten Spiel von Erich Beer, verlor man unglücklich nach Verlängerung gegen Düsseldorf mit 0:1.
Herthas gute Jahre nach dem dunklen Kapitel des Skandals, auch ein Erfolg der Leistung Erich Beers, fielen leider der wie immer schlechten finanziellen Situation um den Verein, zum Opfer. Viele Spieler mussten den Verein verlassen, so auch Erich Beer. Trainer Detmar Cramer holte ihn zu Ittehad Jiddah und eher widerwillig wagte Beer den Sprung in die Wüste, obwohl er sicherlich in Saudi-Arabien in zwei Jahren mehr verdient hat, als zuvor in elf Jahren Bundesliga.
Nach seiner Rückkehr spielte er noch ein Jahr bei 1860 München in der Zweiten Liga, bevor er mit 36 Jahren seine große Karriere beendete.
Alle Vereine und Wettbewerbe zusammengenommen, kam er in 428 Pflichtspielen auf 125 Tore. In der Nationalmannschaft traf er in 24 Länderspielen sieben Mal. Beer blieb in München-Grünwald, wurde Fuhrparkchef bei BMW und ist inzwischen im wohlverdienten Ruhestand.
Am liebsten reist er viel, vor allem nach Berlin zu seiner Hertha. Dieser Club blieb seine Herzenssache. Viele Spiele der Hertha schaut er sich auch noch im Stadion an. Und so blieb es bei Beer, wie bei seinen Fans eine uneingeschränkte Liebe zur Hertha und damit einhergehend nach vielen Jahrzehenten eine respektvolle Erinnerung der Menschen an einen besonderen Spieler der Hertha Geschichte.
Die oftmals falsche Entscheidung im Sommer 1971 (s.o.) sah er entspannt und kommentierte sie vor ein paar Jahren so: „Dort wäre ich einer von vielen gewesen. Bei Hertha bin ich einer, den man nach Jahrzehnten noch kennt.“ Was kann es Schöneres geben….
Heute wird Erich „Ete“ Beer Fünundsiebzigsiebzig Jahre „alt“.
Der Förderkreis Ostkurve ruft aus blau weißen Kehlen: HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH
HaHoHe